Therapieforum Ärztezeitung Ausgabe 1/2007
Herr K., 51 Jahre, übergewichtig, kommt kaum noch die Treppe hoch, will sein Leben ändern. Ein Artikel von Dr. Doblinger, veröffentlicht im Ärztemagazin 1/2007.
Zuerst ein Gedanke über Herrn Wolfgang K.: Ein Leben ohne Sport bedeutet bei völliger körperlicher Gesundheit bei einer Größe von 1,78m, 95 kg und einem Alter von 51 Jahren eine Sollleistung von 194 W (100% der Norm) bei einem Belastungs-EKG. Herr K. schildert nun, dass er bereits beim Stiegensteigen keine Luft bekommt. Eine kleine Rechnung zeigt, dass dies den Erwartungen entspricht: eine Masse von 95 kg x 9,81 (Schwerkraft der Erde) gibt 932 n (Newton). 932 n x 0,17 m (Höhe einer Stufe) gibt 158 nm. Und nm pro Sekunde ist die Einheit der Leistung. Wenn Herr K. pro Sekunde auch nur eine Stufe erklimmt, leistet er 158 Watt und somit bereits über 81% seiner Sollleistung.
Obwohl Probleme beim Stiegensteigen somit erwartungsgemäß sind, ist zu Beginn eine ausführliche Anamnese (Vorerkrankungen, Risikofaktoren, Probleme mit dem Stütz- und Bewegungsapparat), eine klinische Untersuchung (internistisch, Wirbelsäule, große Gelenke), Labor (BB, Lipide, LFP, NFP, TSH) sowie eine Lungenfunktion mit FVC und FEV1 jedenfalls sinnvoll.
Sofern sich bis hier keine Kontraindikationen oder größere gesundheitliche Einschränkungen ergeben, welche erst weiter abgeklärt oder therapiert werden müssen, kommt nun der wohl umstrittenste Teil: die leistungsphysiologische Untersuchung. Fahrrad- oder Laufbandergometrie, einfache Ergometrie, Spiroergometrie oder Laktattest? Aufgrund der besseren Beurteilbarkeit des EKGs und der einfacheren Blutdrucküberwachung empfehle ich Herrn K. eine Fahrradergometrie, wobei eine Ausbelastung in ca. 10 bis maximal 20 Minuten erreicht sein sollte (z.B. 25 W, 2 min). Für eine adäquate Trainingsempfehlung zum Ausdauertraining ist grundsätzlich eine Angabe in % der Herzfrequenzreserve [(HF max - HF Ruhe) x 0,6 + HF Ruhe (+/- 5)] ausreichend. Für zusätzliche Informationen über Funktion des Herz-Kreislauf-Lungensystems sowie den Energieverbrauch bei Belastung biete ich eine spiroergometrische Untersuchung als sinnvolle, aber keineswegs zwingend nötige Option, an. Trainingsempfehlung 60% – 70% VO2max.Von einer Trainingsempfehlung anhand einer Laktat-Leistungskurve rate ich Herrn K. ab. Tests an 10 Probanden in unserer Praxis zeigten, dass weder starre (z.B. 2 mmol) noch dynamische “Schwellen” (z.B. Ausgangslaktat + 1,5 mmol) in Steady-State Tests (30 Minuten bei konstanter Belastung) reproduzierbar sind. Ich erkläre ihm aber, dass die Laktat-Leistungskurve ausgezeichnet zur Dokumentation des Trainingsfortschritts geeignet ist.
Herr K. hat sich nunmehr als im wesentlichen gesund, untrainiert und übergewichtig präsentiert. Eine Reduktion des Körpergewichtes um etwa 10 kg würde einen BMI von 26,8 sowie per se bereits eine Leistungssteigerung von über 10% bedeuten. Auch hier kann eine orientierende Rechnung angestellt werden: 10 kg entsprechen 10.000 g. Bei der Umrechnung von Körpergewicht in Fett kann von einem Wasseranteil von 30% ausgegangen werden, somit müssen 7.000 g Fett eliminiert werden. 7.000 g x 9,5 kcal pro g Fett ergibt ein nötiges Kalorienminus von 66.500 kcal. Verteilt auf 6 Monate wäre dies minus 370 kcal täglich. Eine realistische Aufgabenstellung. Aufgrund der Leistungsfähigkeit von Herrn K. entspricht dies in etwa einer knappen Stunde Training, wobei hier sowohl Ausdauer- wie auch Krafttraining zählen. Als adäquates Trainingspensum am Beginn empfehle ich etwa 3-4 x pro Woche 20-30 Minuten Ausdauertraining im bereits oben erwähnten moderaten Intensitätsbereich (wobei bei einem gesunden Menschen gegen gelegentliche intensive Trainingseinheiten grundsätzlich absolut nichts einzuwenden ist!). Es bieten sich hier verschiedene Sportarten von Radfahren bis Nordic-Walking an, nur, vorwiegend Laufen wird für Herrn K. vom Intensitätsbereich kein adäquater “Einstiegssport” sein. Weiters wären 3 x pro Woche 30 Minuten Krafttraining eine perfekte Ergänzung zum Sportprogramm, wobei dies meist mit dem Weg ins Fitness-Studio verbunden ist. Im Übrigen kann das Führen eines Trainingstagebuches äußerst hilfreich und motivierend sein!
Auf diese Weise werden nun bereits knapp 50% des errechneten Kalorienminus erreicht. Für die verbleibenden etwa 200 kcal reicht nun eine lediglich moderate, aber dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, welche noch im Gespräch oder auch durch Führung eines Ernährungsprotokolls analysiert werden. Wann Herr K. seine Mahlzeiten zu sich nimmt, bleibt letztendlich ihm überlassen.